Die Kraft des Augenblicks: Wie du bewusst im Jetzt ankommst

Die Kraft des Augenblicks: Wie du bewusst im Jetzt ankommst

Wann warst du das letzte Mal wirklich da? Nicht mit dem Körper am Tisch und mit dem Kopf schon beim nächsten Termin, sondern ganz und gar in diesem einen Moment. Vielleicht bei einem Sonnenuntergang, der dich sprachlos gemacht hat oder in einem Gespräch, in dem die Zeit stillzustehen schien. Solche Augenblicke fühlen sich anders an. Sie fühlen sich leicht, lebendig, vollkommen. Und oft sind sie viel zu selten.

Dabei ist dieser Zustand nichts, was du erst erwerben müsstest. Du bist ewiges Bewusstsein. Und seit du in diesem Leben auf die Welt gekommen bist, ist nur ein Teil des Unendlichen. Niemand hat dir nur je gezeigt, wie du deine Aufmerksamkeit auf dieses Bewusstsein selbst richtest. In der Schule hast du gelernt, nachzudenken, stillzusitzen und zuzuhören, aber kein Lehrer hat dich gefragt: „Wer ist es eigentlich, der da zuhört?“. So wachsen die meisten Menschen auf, ohne zu wissen, dass hinter dem Lärm ihrer Gedanken eine tiefe Stille wartet.

In diesem Artikel erfährst du, warum unser Geist so selten zur Ruhe kommt und wie automatische Reaktionsmuster uns wie Marionetten führen. Du entdeckst, warum der gegenwärtige Moment, das Jetzt, der einzige Ort ist, an dem das Leben wirklich stattfindet, und probierst eine einfache Übung aus, die dich sofort ins Jetzt bringt. Du lernst, wie Präsenz deine Begegnungen mit anderen Menschen verändert und was die Forschung über Achtsamkeit herausgefunden hat. Zum Schluss bekommst du praktische Werkzeuge an die Hand, mit denen das Jetzt zu deiner neuen Gewohnheit werden kann. So lernst du nicht nur über Gegenwart, sondern beginnst, sie zu leben.

Warum wir nie gelernt haben, bewusst zu sein

Das Rauschen der Gedanken

Stell dir einen Bach vor, der ununterbrochen rauscht. Irgendwann hörst du das Geräusch nicht mehr, weil es immer da ist. Genau so verhält es sich mit unseren Gedanken. Sie sind von morgens bis abends da und wir halten dieses Rauschen für uns selbst. Eckhart Tolle beschreibt dieses ständige, unfreiwillige Denken als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu innerem Frieden. Solange wir uns mit der Stimme im Kopf gleichsetzen, bleibt kein Raum, um zu spüren, wer wir jenseits dieser Stimme sind.[1]

Unsere moderne Welt verstärkt dieses Rauschen noch. Nachrichten, E-Mails, Messenger und soziale Medien buhlen jede Minute um unsere Aufmerksamkeit. Forschende der Stanford University verglichen Menschen, die viele Medien gleichzeitig nutzen, mit solchen, die das selten tun. Die starken Multitasker ließen sich deutlich leichter von unwichtigen Reizen ablenken und konnten schlechter zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden. Wer seine Aufmerksamkeit ständig zerstreut, verliert also nach und nach die Fähigkeit, sie zu sammeln.[2]

Der stille See und seine Tiefe

Stell dir einen See vor. Solange der Wind die Oberfläche aufwühlt, siehst du nur Wellen. Wird es still, wird das Wasser spiegelglatt und plötzlich kannst du bis auf den Grund schauen. Der Zen-Meister Shunryu Suzuki beschreibt Gedanken als Wellen des Geistes, die wir nicht bekämpfen müssen. Wenn wir sie einfach kommen und gehen lassen, beruhigt sich die Oberfläche von selbst und wir erkennen, dass der Geist selbst weit und ruhig ist wie das Wasser unter den Wellen.[3]

Kennst du das Gefühl, dass deine Gedanken ständig in die Zukunft wandern oder an der Vergangenheit festhalten, während das Leben gerade jetzt an dir vorbeizieht? In Zen-Geist, Anfänger-Geist von Shunryu Suzuki* entdeckst du, wie befreiend es sein kann, den Augenblick wieder mit offenen Augen, innerer Ruhe und der Neugier eines Anfängers zu erleben. Mit einfachen, warmherzigen Worten und überraschenden Einsichten zeigt dir der Zen-Meister, dass du nicht alles wissen oder perfekt meditieren musst, um mehr Gelassenheit zu finden. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du das Gedankenkarussell öfter hinter dir lassen, die kleinen Wunder des Alltags wieder wahrnehmen und lernen möchtest, dem Leben mit mehr Leichtigkeit und Offenheit zu begegnen.

Der Puppenspieler in uns Leben auf Autopilot

Leben auf Autopilot

In jedem von uns arbeitet eine Art Reiz-Reaktions-Maschine. Jemand kritisiert dich und schon fühlst du dich angegriffen. Ein bestimmter Ton in der Stimme deines Partners und eine alte Kränkung ist wieder da. Jon Kabat-Zinn, der die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion entwickelt hat, nennt diesen Zustand Autopilot. Wir handeln, reagieren und urteilen, ohne zu bemerken, dass wir es tun. Wie eine Marionette folgen wir Fäden, die wir selbst nicht sehen.[4]

Die gute Nachricht ist, dass diese Muster nicht in Stein gemeißelt sind. Die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel untersuchte Menschen vor und nach einem achtwöchigen Achtsamkeitskurs mit Hirnscans. Nach dem Kurs zeigte sich eine Zunahme der grauen Substanz in Regionen, die mit Lernen, Gedächtnis, Gefühlsregulation und Selbstwahrnehmung zusammenhängen. Bewusstheit durch Bewusstsein verändert also nicht nur dein Erleben, sondern auch dein Gehirn. Was über Jahre eingeschliffen wurde, kann durch Übung neu geformt werden.[5]

Unbewusste Gedanken ins Licht holen

Sobald du bewusster wirst, geschieht etwas Erstaunliches. Plötzlich bemerkst du einen Gedanken, den du wahrscheinlich schon tausendmal gedacht hast, ohne es je zu merken. „Ich schaffe das sowieso nicht“ oder „Ich bin nicht wichtig“. Tolle beschreibt genau diesen Moment als Beginn der Freiheit. Wenn du den Denker, den Verstand, beobachten kannst, entsteht eine neue Ebene von Bewusstsein, die nicht mehr vom Denken beherrscht wird. Du kannst den Satz aufschreiben, ihn in Ruhe betrachten und entscheiden, ob du ihn weiter glauben willst. Und wenn nicht, kannst du ihn bewusst durch einen neuen ersetzen.[1]

Dass dieses bewusste Hinschauen wirkt, zeigt auch eine große Auswertung der Johns Hopkins University. Die Forschenden werteten 47 Studien mit über 3.500 Teilnehmenden aus, die an Meditationsprogrammen teilgenommen hatten. Sie fanden mäßige, aber verlässliche Belege dafür, dass Achtsamkeitsmeditation Ängste, depressive Verstimmungen und Schmerzen lindern kann. Die Wirkung war vergleichbar mit dem, was man aus manchen anderen bewährten Behandlungen kennt. Wer lernt, seine Gedanken zu beobachten, statt ihnen ausgeliefert zu sein, gewinnt also ein Stück Freiheit zurück.[6]

Die Kraft des Jetzt

Der einzige Ort, an dem das Leben stattfindet

Denk einmal darüber nach: Hast du jemals etwas in der Vergangenheit erlebt? Oder in der Zukunft? Alles, was du je erlebt hast, geschah im Jetzt, und alles, was du je erleben wirst, wird ebenfalls im Jetzt geschehen. Tolle beschreibt Vergangenheit und Zukunft als Gedanken, die wir im gegenwärtigen Moment haben. Die meisten Menschen leben dennoch fast ausschließlich in diesen Gedanken mit Bedauern über das Gestern und Sorge um das Morgen. So verpassen sie den einzigen Moment, der wirklich da ist.[1]

Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh drückte das in einem schlichten Satz aus. Das Leben ist nur im gegenwärtigen Augenblick zu finden. Er lehrte, dass wir nicht auf einen besonderen Moment warten müssen, um glücklich zu sein, denn das Wunder geschieht bereits jetzt. Wer im Jetzt ist, findet dort selten Probleme, sondern meist nur Situationen, mit denen er umgehen kann. Die Angst lebt in der Zukunft, das Bedauern in der Vergangenheit. Im Jetzt ist einfach das, was ist.[7]

Eine Übung: Was ist mein nächster Gedanke?

Probiere diese kleine Übung gleich aus. Schließe die Augen, atme ein paar Mal tief durch und stell dir dann die Frage: „Was ist wohl mein nächster Gedanke?“. Warte aufmerksam, so wie eine Katze vor einem Mauseloch wartet. Tolle beschreibt genau diese Übung und berichtet, dass in diesem wachen Warten oft eine Lücke im Gedankenstrom entsteht, ein Moment reiner Gegenwart. In dieser Lücke bist du ganz bewusst, ohne zu denken, und genau das ist das Jetzt.[1]

Vielleicht bemerkst du, dass doch ein Gedanke kommt, etwa „Ich habe gerade keine Gedanken“ und musst schmunzeln, weil auch das ein Gedanke ist. Das ist völlig in Ordnung. Jon Kabat-Zinn betont, dass es bei Achtsamkeit nicht darum geht, keine Gedanken zu haben, sondern freundlich zu bemerken, wenn wir abgeschweift sind, um dann sanft zu uns zurückzukehren. Jedes Zurückkehren ist bereits ein kleiner Moment des Erwachens. Mit der Zeit werden die Lücken länger und die Stille vertrauter.[4]

Präsenz verändert deine Begegnungen

Wenn du ganz im Jetzt bist, spüren das auch die Menschen um dich herum. Probiere es beim nächsten Gespräch aus. Statt innerlich schon deine Antwort vorzubereiten, hör deinem Gegenüber einfach vollständig zu, achte auf seine Augen, seine Stimme, seine Gesten. Thich Nhat Hanh nannte die eigene Präsenz das kostbarste Geschenk, das wir einem anderen Menschen machen können. Er lehrte das tiefe Zuhören als eine Form von Liebe, durch die sich der andere gesehen und angenommen fühlt. Viele Menschen erleben so eine ungeteilte Aufmerksamkeit nur selten und blühen spürbar auf.[7]

Kennst du das Gefühl, ständig etwas erledigen zu müssen und dabei kaum noch Zeit zu finden, den Moment wirklich zu genießen? In Das Wunder der Achtsamkeit von Thich Nhat Hanh* entdeckst du, wie selbst alltägliche Dinge wie Geschirrspülen, Gehen oder Atmen zu kleinen Momenten der Ruhe und des Glücks werden können. Mit seiner warmherzigen, sanften Art zeigt dir der buddhistische Mönch, dass du dein Leben nicht verändern musst, um es bewusster und erfüllter zu erleben. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du dich nach mehr innerer Ruhe sehnst, den Stress des Alltags hinter dir lassen und lernen möchtest, die kleinen, oft übersehenen Glücksmomente deines Lebens wieder wahrzunehmen.

Das Jetzt als neue Gewohnheit

Kleine Zettel, große Wirkung

Die einzige wirkliche Schwierigkeit liegt darin, sich immer wieder an das Jetzt zu erinnern. Eine wunderbar einfache Hilfe sind kleine Zettel mit dem Wort „Jetzt“, die du an verschiedenen Orten, wie z.B. am Badezimmerspiegel, an der Kaffeemaschine, am Bildschirm oder im Auto aufhängst. Jedes Mal, wenn dein Blick darauf fällt, holt er dich aus den Gedanken zurück in den Moment. Jon Kabat-Zinn empfiehlt solche Erinnerungen in den Alltag einzubauen und gewöhnliche Tätigkeiten, wie z.B. Zähneputzen, Gehen oder Essen als Gelegenheit für Achtsamkeit zu nutzen. So wird der ganze Tag zu einem Übungsfeld.[4]

Kennst du das Gefühl, dass dein Alltag nur noch aus Verpflichtungen besteht und du dir nichts sehnlicher wünschst, als endlich einmal zur Ruhe zu kommen? In Im Alltag Ruhe finden von Jon Kabat-Zinn* entdeckst du, wie du selbst mitten in einem stressigen Tag kleine Inseln der Stille schaffen und wieder bewusster im Hier und Jetzt leben kannst. Mit kurzen, inspirierenden Kapiteln und alltagstauglichen Anregungen zeigt dir der bekannte Achtsamkeitslehrer, dass du weder stundenlang meditieren noch dein Leben umkrempeln musst, um mehr Gelassenheit zu entwickeln. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du dich weniger von Stress und Sorgen bestimmen lassen, deine innere Balance stärken und lernen möchtest, auch in hektischen Zeiten Ruhe in dir selbst zu finden.

Langsamer werden, eins nach dem anderen

Hektik ist einer der größten Unbewusstmacher. Wer schnell noch einkauft, nebenbei telefoniert, Kopien macht und dabei schon an den nächsten Termin denkt, ist überall und nirgends. Die Forschung um Eyal Ophir zeigt, dass ständiges Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Reizen unsere Fähigkeit schwächt, uns auf eine Sache zu konzentrieren. Eine einfache Regel, alles nacheinander, nicht gleichzeitig, zu tun, kann hier Wunder bewirken. Je mehr du das übst, desto ruhiger und klarer wirst du.[2]

Versuche außerdem, zunächst alles ein wenig langsamer zu tun als gewohnt. Thich Nhat Hanh empfahl, selbst das Abwaschen, das Teetrinken oder das Gehen ganz bewusst und mit voller Aufmerksamkeit zu vollziehen. Wer langsam geht und dabei jeden Schritt spürt, so lehrte er, kommt mit jedem Schritt im Jetzt an. Langsamkeit ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Tor zur Gegenwart. Mit der Zeit kannst du auch schnellere Tätigkeiten mit derselben Präsenz ausführen.[7]

Geduld mit dir selbst

Am Anfang wirst du immer wieder bemerken, manchmal erst nach vielen Minuten, dass du in Gedanken abgedriftet bist. Das ist ganz normal und kein Zeichen von Versagen. Die Studien, die Goyal und sein Team auswerteten, umfassten meist mehrwöchige Programme mit regelmäßiger Übung. Die Wirkungen zeigten sich nicht über Nacht, sondern durch Wiederholung und Beharrlichkeit. Mach dich also nicht fertig, wenn du abschweifst, sondern freu dich über jeden Moment, in dem du dir dessen bewusst bist.[6]

In Hölzels Studie übten die Teilnehmenden acht Wochen lang im Durchschnitt knapp eine halbe Stunde am Tag. Schon das reichte aus, um messbare Veränderungen im Gehirn zu bewirken. Bewusstheit ist also eine Gewohnheit wie jede andere, nur eine viel angenehmere als das endlose Grübeln. Mit beharrlicher Übung wird sie Schritt für Schritt zu deinem natürlichen Zustand. In der Zen-Tradition heißt es dann, man reitet auf dem Ochsen nach Hause.[5]

Fazit

Du bist bewusst, seit du existierst. Du hast nur nie gelernt, durch dein Bewusstsein deine Aufmerksamkeit auf dich selbst zu richten. Das ständige Rauschen der Gedanken und eine Welt voller Ablenkungen halten uns an der Oberfläche und automatische Reaktionsmuster lenken uns wie Marionetten. Doch wenn die Wellen des Geistes zur Ruhe kommen, wird die Tiefe sichtbar. Es ist ein stilles, waches Gewahrsein im gegenwärtigen Moment. Das Jetzt ist der einzige Ort, an dem das Leben wirklich stattfindet, und Präsenz verändert auch deine Begegnungen mit anderen. Kleine Erinnerungen, Langsamkeit, eins nach dem anderen und regelmäßige Achtsamkeitsübung machen daraus mit der Zeit eine neue Gewohnheit.

Du musst nichts verstehen, um gegenwärtig zu sein, du musst es nur immer wieder tun. Und der beste Moment, damit anzufangen, ist genau dieser.

Quellen

[1] Tolle, E. (1997). The Power of Now: A Guide to Spiritual Enlightenment. Vancouver: Namaste Publishing. Dt.: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Bielefeld: J. Kamphausen.

[2] Ophir, E., Nass, C., & Wagner, A. D. (2009). Cognitive control in media multitaskers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 106(37), 15583–15587.

[3] Suzuki, S. (1970). Zen Mind, Beginner’s Mind. New York: Weatherhill. Dt.: Zen-Geist Anfänger-Geist. Bielefeld: J. Kamphausen. ISBN 978-3-95883-148-3.

[4] Kabat-Zinn, J. (1994). Wherever You Go, There You Are. New York: Hyperion. Dt.: Im Alltag Ruhe finden: Meditationen für ein gelassenes Leben. München: Knaur. ISBN 978-3-426-87866-8.

[5] Hölzel, B. K., Carmody, J., Vangel, M., Congleton, C., Yerramsetti, S. M., Gard, T., & Lazar, S. W. (2011). Mindfulness practice leads to increases in regional brain gray matter density. Psychiatry Research: Neuroimaging, 191(1), 36–43.

[6] Goyal, M., Singh, S., Sibinga, E. M. S., Gould, N. F., Rowland-Seymour, A., Sharma, R., Berger, Z., Sleicher, D., Maron, D. D., Shihab, H. M., Ranasinghe, P. D., Linn, S., Saha, S., Bass, E. B., & Haythornthwaite, J. A. (2014). Meditation programs for psychological stress and well-being: A systematic review and meta-analysis. JAMA Internal Medicine, 174(3), 357–368.

[7] Thich Nhat Hanh (1975). The Miracle of Mindfulness. Boston: Beacon Press. Dt.: Das Wunder der Achtsamkeit. München: Arkana, 2024. ISBN 978-3-442-34597-7.


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