Jeden Morgen wachst du auf. Du öffnest die Augen, der Traum der Nacht verblasst, und der Tag beginnt. Du sprichst mit Menschen, fährst zur Arbeit, triffst Entscheidungen und ganz selbstverständlich nennst du diesen Zustand „wach“. Doch vielleicht hast du schon einmal erlebt, wie du am Ziel einer Autofahrt ankommst und dich an kaum einen Meter der Strecke erinnerst. Wo warst du in dieser Zeit?
Die großen Weisheitslehrer der Menschheit haben eine erstaunliche Antwort gegeben: Die meisten Menschen träumen auch am Tag. Nicht mit geschlossenen Augen, sondern verloren in einem endlosen Strom von Gedanken, Erinnerungen, Sorgen und Plänen. Der Buddha wurde nicht ohne Grund „der Erwachte“ genannt. Sein Erwachen war kein Öffnen der Augen, sondern das Erwachen aus diesem Traum, und es steht jedem Menschen offen, auch dir.
In diesem Artikel erfährst du, was es bedeutet, im Wachsein zu träumen, und was die Forschung über unseren umherschweifenden Geist herausgefunden hat. Du entdeckst den Unterschied zwischen dem reinen „Ich bin“ und dem Ich, das aus Gedanken und Gewohnheiten gewachsen ist. Du verstehst, wie Muster aus der Kindheit zu unbewussten Programmen werden, die dein Leben lenken, und warum es so wertvoll ist, sie ins Licht zu holen. Zum Schluss lernst du, wie du Gedanken beobachten kannst, statt in ihnen zu versinken, und was Erwachen und Erleuchtung voneinander unterscheidet. So kannst du heute beginnen, Schritt für Schritt wacher zu leben
Träumen wir am Tag?
Der Erwachte und die Frage nach dem Wachsein
Als Siddhartha Gautama nach langer Meditation unter dem Bodhi-Baum zur Erkenntnis gelangte, erhielt er den Namen Buddha, „der Erwachte“. Sein Ziel war es, die Wurzel des menschlichen Leidens zu finden und aufzulösen. Eckhart Tolle beschreibt diese Wurzel als die Identifikation mit dem eigenen Denken. Wir halten die Stimme in unserem Kopf für uns selbst. Solange wir das tun, leben wir in einer Art Traum, der von Gedanken und Gefühlen über die Vergangenheit und die Zukunft gewoben ist. Erwachen bedeutet, diesen Traum als Traum zu erkennen.[1]
Dass wir tagsüber oft gar nicht wirklich da sind, lässt sich sogar messen. Die Harvard Psychologen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert befragten tausende Menschen per Smartphone zu zufälligen Zeitpunkten, was sie gerade taten und woran sie dachten. In fast der Hälfte der Momente, rund 47%, waren die Gedanken woanders als bei der aktuellen Tätigkeit. Und die Menschen waren in diesen Momenten im Schnitt weniger glücklich. Ein umherschweifender Geist ist, so ihr Fazit, ein unglücklicher Geist.[2]
Das reine „Ich bin“
Es gibt etwas in dir, das du nicht bestreiten kannst. Es ist das schlichte Gefühl „Ich bin“. Schon ein kleines Insekt flieht, wenn sich ein Finger nähert, als wüsste es um sein eigenes Dasein. Der indische Weise Ramana Maharshi lehrte, dass dieses reine Gewahrsein der wahre Kern des Menschen ist. Alles andere, der Name, die Rolle, die Geschichte, ist nur der Gedanke „ich“, der sich daran heftet (Ramana Maharshi, Wer bin ich?). Seine zentrale Frage lautete deshalb: Wer bin ich, wenn ich all das weglasse?[3]
Du kannst das sofort ausprobieren. Schau dich in dem Raum um, in dem du gerade bist und spüre, wie du einfach wahrnimmst, ohne etwas zu benennen oder zu bewerten. In diesem Moment bist du der reine Beobachter. Tolle nennt diesen Zustand Präsenz, ein waches, stilles Gewahrsein, in dem Gedanken kommen und gehen dürfen, ohne dich mitzureißen. Für dieses Gewahrsein brauchst du keine Geschichte über dich, es ist einfach da.[1]
Wie das Ich entsteht
Identifikation mit Körper und Gedanken
Warum genügt uns das reine „Ich bin“ nicht? Weil wir früh lernen, uns mit etwas zu identifizieren. Wir identifizieren uns mit unserem Körper, unserem Namen, unseren Erfahrungen und v.a. mit unseren Gedanken. Tolle beschreibt das Ego als genau diese Identifikation mit Form, mit Dingen, mit Rollen und Gedankenmustern. Aus ihr entsteht das Gefühl, eine bestimmte Person mit einer bestimmten Geschichte zu sein. Diese Person ist nicht falsch, aber sie ist nicht alles, was du bist.[1]
Tag für Tag gehen uns unzählige Gedanken durch den Kopf. Häufig ist von 60.000 Gedanken täglich die Rede. Forschende der Queen’s University in Kanada haben das erstmals mit Hirnscans untersucht. Sie entdeckten typische Muster, die immer dann auftreten, wenn ein neuer Gedanke beginnt, und zählten im Schnitt rund 6.200 solcher Gedankenübergänge pro Tag. Das sind immer noch erstaunlich viele, etwa sechs bis sieben pro Minute im Wachzustand. Kein Wunder, dass wir uns so leicht in diesem Strom verlieren.[4]
Trennung und die Sehnsucht nach Ganzheit
Mit dem Ich entsteht ein Gefühl der Trennung. Hier bin ich, und dort ist die Welt. Aus dieser Trennung wächst eine tiefe Sehnsucht, ein Gefühl, dass etwas fehlt. Also beginnen wir zu suchen, in Besitz, in Beziehungen, in Anerkennung, in Urlaub machen, im Rausch zu sein und jagen immer neuen Erlebnissen nach. Tolle beschreibt, wie das Ego dabei nie wirklich satt wird, weil es von dem Gefühl lebt, noch nicht genug zu sein. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, taucht schon der nächste auf.[1]
Ramana Maharshi wies auf einen bemerkenswerten Hinweis hin, den jeder Mensch jede Nacht erlebt. Im traumlosen Tiefschlaf gibt es weder Gedanken noch ein Ich, und doch erwachen wir erfrischt und in Frieden. Er schloss daraus, dass Glück nicht in den Dingen liegt, sondern unsere eigene Natur ist, die sich zeigt, sobald der Geist zur Ruhe kommt. Die Suche nach Ganzheit führt also nicht hinaus in die Welt, sondern zurück zu dir selbst. Was du suchst, warst du schon immer.[3]
Die Macht der unbewussten Programme
Wie aus Übung Automatik wird
Erinnere dich, wie du als Kind gelernt hast, deine Schuhe zu binden. Zuerst wusstest du, dass du es nicht kannst, dann hast du dich konzentriert und geübt, bis es gelang. Irgendwann hast du nicht mehr darüber nachgedacht, deine Hände haben es einfach getan. Die Psychologin Wendy Wood ließ Menschen ein Tagebuch über ihr Verhalten führen und fand heraus, dass rund 43% der täglichen Handlungen gewohnheitsmäßig ablaufen, also fast jeden Tag im gleichen Zusammenhang. Fast die Hälfte unseres Tages läuft also auf Autopilot.[5]
Das ist zunächst ein Segen. Stell dir vor, du müsstest jeden Morgen neu lernen, wie man Zähne putzt oder Auto fährt. Wood beobachtete zugleich, dass Menschen während solcher Gewohnheiten häufig an ganz andere Dinge dachten als an das, was sie gerade taten. Der Körper handelt, während der Geist woanders ist. Genau hier beginnt der Tagtraum, von dem die Weisheitslehrer sprechen.[5]
Wenn Anpassung zum Programm wird
Was für das Schuhebinden gilt, gilt leider auch für seelische Muster. Ein Kind, das spürt, dass seine Eltern es nur in einer bestimmten Form annehmen, passt sich an. Es wird besonders brav, besonders lieb oder besonders leistungsstark, weil seine Liebe und Sicherheit davon abhängen. Die Psychotherapeutin Alice Miller beschrieb, wie solche Kinder ihr wahres Selbst verbergen und ein angepasstes Selbst entwickeln, das später so selbstverständlich wird, dass sie es für ihre Persönlichkeit halten. Als Erwachsene spüren sie dann oft eine leise Unechtheit, ohne zu wissen, woher sie kommt.[6]
Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, immer für andere da sein zu müssen und dabei dich selbst aus den Augen verloren? In Das Drama des begabten Kindes von Alice Miller* erfährst du, wie früh wir lernen, unsere eigenen Gefühle zurückzustellen, um geliebt und anerkannt zu werden. Ein tief berührendes Buch, das dir helfen kann, alte Muster zu erkennen und wieder Zugang zu deinem wahren Selbst zu finden. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du verstehen möchtest, wie deine Kindheit dich bis heute prägt, und den Mut finden willst, alte Muster loszulassen und wieder ganz du selbst zu sein.
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Splitter und Balken
Jesus sprach vom Splitter im Auge des anderen, den wir sehen, während wir den Balken im eigenen Auge übersehen. Genau so wirken unbewusste Muster. Wir erkennen sie oft bei anderen, bei uns selbst bleiben sie unsichtbar. Tolle beschreibt, wie alte, unverarbeitete Gefühle in uns weiterleben und in bestimmten Situationen plötzlich die Kontrolle übernehmen, etwa wenn uns jemand im Straßenverkehr die Vorfahrt nimmt und wir explodieren. In solchen Momenten handeln nicht wir, sondern unser Programm. Wir glauben, frei zu entscheiden, und sind doch wie Marionetten an unsichtbaren Fäden.[1]
Der Weg hinaus führt über das Bewusstsein in das Bewusstmachen. Was ins Licht des Bewusstseins kommt, verliert seine heimliche Macht über uns. Alice Miller beschreibt, dass Heilung beginnt, wenn wir die Gefühle des Kindes, das wir einmal waren, wahrnehmen und ernst nehmen dürfen, statt sie weiter wegzuschieben. Dieser Prozess braucht Zeit und manchmal auch professionelle Begleitung. Doch er ist vielleicht die wertvollste Arbeit, die ein Mensch an sich selbst leisten kann.[6]
Aufwachen im Alltag
Gedanken beobachten statt in ihnen zu versinken
Stell dir zwei Arten vor, eine Straße entlangzugehen. Im ersten Fall siehst du ein Auto, denkst an einen Testbericht, dann daran, dass du dein eigenes Auto waschen solltest, dann an den Einkauf, und plötzlich stehst du im Supermarkt, ohne den Weg bemerkt zu haben. Im zweiten Fall siehst du dasselbe Auto und bemerkst den Gedanken, der auftaucht, ohne ihm hinterherzulaufen. Die Hirnforschung untersucht ein Netzwerk, das besonders aktiv ist, wenn wir gedanklich abschweifen und um uns selbst kreisen, das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk. Bei erfahrenen Meditierenden war dieses Netzwerk während der Meditation deutlich weniger aktiv als bei Anfängern.[7]
Das zeigt, dass Bewusstmachen durch Bewusstsein trainierbar ist wie ein Muskel. Je öfter du einen Gedanken als Gedanken einfach bemerkst, ohne dich damit zu identifizieren, desto weniger zieht er dich in seine Kette hinein. Killingsworth und Gilbert fanden heraus, dass es für unser Glück weniger darauf ankommt, was wir tun, als darauf, ob wir mit dem Geist bei dem sind, was wir tun. Wer präsent ist, erlebt selbst einfache Tätigkeiten intensiver und zufriedener. Du musst dein Ego dazu nicht loswerden, es reicht oft schon, es freundlich zu beobachten und sich mit seinen Gedanken nicht zu identifizieren.[2]
Meditation: dem Bewusstsein bewusst werden
Meditation ist im Kern nichts anderes, als dem Bewusstsein bewusst zu werden. Du setzt dich hin und richtest deine Aufmerksamkeit auf das schlichte Gefühl „Ich bin (bewusst)“. Ramana Maharshi empfahl dazu eine einfache Methode: Wann immer ein Gedanke auftaucht, frage nicht, was er bedeutet, sondern frage still „Wem erscheint dieser Gedanke?“ und dann „Wer bin ich?“. So kehrt die Aufmerksamkeit immer wieder zu ihrer Quelle zurück. Wie beim Schuhebinden wird auch diese Übung mit der Zeit leichter und natürlicher.[3]
Wer bist du wirklich, wenn du all deine Gedanken, Sorgen und Erwartungen einmal loslässt? In Wer bin ich? von Ramana Maharshi* lädt dich einer der großen spirituellen Weisheitslehrer Indiens auf eine besondere Reise zu dir selbst ein. Mit einfachen, aber tief berührenden Worten zeigt er dir, wie du deinen Blick nach innen richten und entdecken kannst, was jenseits deiner Gedanken und Gefühle liegt. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du dich nach innerer Ruhe sehnst, deine Gedanken für einen Moment hinter dir lassen und entdecken möchtest, wer du jenseits aller Erwartungen und Rollen wirklich bist.
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Erwachen und Erleuchtung
Es gibt etwas in dir, das sich nie verändert hat. Dein Körper, deine Gedanken und deine Meinungen haben sich seit deiner Kindheit unzählige Male gewandelt, doch das Gefühl „Ich bin“ ist dasselbe geblieben. Tolle beschreibt Erwachen als die Erkenntnis, nicht der Denker zu sein, sondern das Gewahrsein, in dem das Denken geschieht. Erleuchtung beschreiben viele Traditionen als den Schritt darüber hinaus. Es ist das vollständige Aufgehen in diesem Bewusstsein, in dem das getrennte Ich sich auflöst. Wie eine Welle, die erkennt, dass sie Ozean ist.[1]
Kennst du das Gefühl, dass deine Gedanken ständig um dich selbst kreisen und du dir damit manchmal das Leben unnötig schwer machst? In Eine neue Erde von Eckhart Tolle* erfährst du, wie dein Ego unbemerkt deine Gedanken, Gefühle und Beziehungen beeinflusst und wie du dich Schritt für Schritt davon lösen kannst. Mit lebensnahen Beispielen und tief berührenden Einsichten lädt dich Tolle dazu ein, alte Denkmuster zu erkennen und das Leben bewusster, gelassener und freier zu erleben. Ich empfehle dir dieses Buch, wenn du dich selbst besser verstehen, inneren Frieden finden und lernen möchtest, deinem Leben mit mehr Bewusstsein und Leichtigkeit zu begegnen.
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Fazit
Viele Menschen träumen nicht nur nachts, sondern auch am Tag, verloren in einem Strom von Gedanken, Erinnerungen und Sorgen. Unter diesem Strom liegt das reine „Ich bin“, ein stilles Gewahrsein, das sich seit deiner Kindheit nicht verändert hat. Aus der Identifikation mit Körper und Gedanken entsteht das Ich, und mit ihm das Gefühl von Trennung und eine Sehnsucht, die keine äußere Erfüllung stillen kann. Gewohnheiten und frühe Anpassungen werden zu unbewussten Programmen, die uns lenken, bis wir sie ins Licht holen und uns derer bewusst werden. Wer lernt, Gedanken zu beobachten und in der Meditation dem Bewusstsein selbst bewusst zu werden, beginnt zu erwachen.
Du musst dafür nirgendwo hingehen, denn das, was du suchst, ist bereits hier. Vielleicht ist dieser Moment, in dem du diese Zeilen liest, schon ein kleines Erwachen.
Quellen
[1] Tolle, E. (2005). A New Earth: Awakening to Your Life’s Purpose. New York: Dutton. Dt.: Eine neue Erde: Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung. München: Goldmann. ISBN 978-3-442-34188-7.
[2] Killingsworth, M. A., & Gilbert, D. T. (2010). A wandering mind is an unhappy mind. Science, 330(6006), 932.
[3] Ramana Maharshi. „Wer bin ich?“ Der Übungsweg der Selbstergründung. ISBN 978-3-8370-5367-8. Original: Nan Yar? (Tamil).
[4] Tseng, J., & Poppenk, J. (2020). Brain meta-state transitions demarcate thoughts across task contexts exposing the mental noise of trait neuroticism. Nature Communications, 11, 3480.
[5] Wood, W., Quinn, J. M., & Kashy, D. A. (2002). Habits in everyday life: Thought, emotion, and action. Journal of Personality and Social Psychology, 83(6), 1281–1297.
[6] Miller, A. (1979). Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Taschenbuchausgabe: ISBN 978-3-518-46739-8.
[7] Brewer, J. A., Worhunsky, P. D., Gray, J. R., Tang, Y.-Y., Weber, J., & Kober, H. (2011). Meditation experience is associated with differences in default mode network activity and connectivity. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(50), 20254-20259.
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